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Selbstaufgabe oder Selbstbestimmung?

Stärkung der körpereigenen Abwehrkräfte als Möglichkeit zur Heilung oder auch als Prävention einer Krebserkrankung am Beispiel einiger Übungen aus dem Yoga.

In jedem Menschen brennt eine Flamme, ein innerer Wunsch, ein belebendes Wollen, eine ständig vorwärtsdrängende, eigenständige Idee. Man will etwas. Und dieses Wollen hält einen am Leben, man fühlt sich in den sozialen Zusammenhang integriert und spürt den Sinn, den roten Faden in dem Ganzen. Dieses innere Feuer der Begeisterung – sei es auch noch so klein – führt dazu, dass man auch schwierige Situationen meistern und unangenehme Lagen ertragen kann. Man ist in gewisser Weise glücklich, auch wenn Leben und Umstände alles andere als vollkommen sind.

Vielen scheint heute dieser natürliche, lebensfrohe Feuerfunken einer scheinbar unerschöpflichen Antriebskraft abhanden gekommen zu sein. Das Leben ist unbemerkt zum Automatismus geworden. Es stellt Anforderungen an uns, und wir antworten auf diese. Wir funktionieren, mehr oder weniger gut natürlich. Menschen, die an Krebs erkranken, „funktionieren“ oftmals auffallend gut. Die Diagnose kommt dann sehr überraschend, wie aus heiterem Himmel. Wieso nur, es war doch immer alles in Ordnung!

Dieses Phänomen betrachtend stellt sich die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen der großen Zahl »braver Bürger« und den vielen Menschen, die an Krebs erkranken geben könnte? Der Lebenswille als bedingungsloses, freudiges Ja-Wort zu sich selbst und zum Leben ist jedem Individuum mit der Geburt gegeben. Er steht in einem natürlichen, logischen Zusammenhang mit der körpereigenen Abwehr. Ein Mensch, der etwas will und dies umsetzt, obwohl er dabei vielleicht bei anderen aneckt, wird sich auch auf körperlicher Ebene resoluter gegen fremde Eindringlinge wehren, als jener, der sich innerlich zur Seite stellt und sich ständig an alles und jeden anpasst.

Wenn einem der Wille im Leben abhanden kommt und Stimmungen wie Resignation oder Mutlosigkeit vorherrschen, sind meist bestimmte körperliche Funktionen, wie zum Beispiel die Atmung oder die Verdauung, ebenfalls reduziert. Der Atem wird flacher, die Verdauung träge mit Neigungen zur Blähung und man wird schneller müde. Es fehlt generell an Freude und Motivation. Gleichzeitig stellt sich in der Regel ein verstärktes Kompensationsbedürfnis ein, welches den empfundenen inneren Mangel, die Unzufriedenheit und fehlende Sinnerfüllung ausgleichen soll.

Wille und Immunsystem scheinen unmittelbar miteinander in Verbindung zu stehen. Man kann das Abwehrsystem auf verschiedene Weise medikamentös unterstützen. Dies wird sowohl in der klassischen, als auch in der alternativen Krebstherapie meist auch getan. Zusätzlich zu den notwendigen medizinischen Maßnahmen gibt es auch die Möglichkeit, selbst etwas zu unternehmen, um der Krankheit offensiv zu begegnen, anstatt sich seinem Schicksal passiv zu ergeben. Schon allein die aktive innere Haltung an sich könnte in der Bemühung um Heilung so etwas wie einen ersten Schritt in die gewünschte Richtung bedeuten.

Die Ärzte wissen viel, sind aber keine „Götter in Weiß“. Auch unter Fachleuten ist man sich nicht immer einig, welche der verschiedenen, möglichen Therapieformen in diesem speziellen Fall anzuraten sind. In einem Punkt jedoch sind sich alle Fachkundigen (Forscher, Ärzte, Psychologen und Heilpraktiker) einig: Es ist sinnvoll, das Immunsystem zu fördern, da es bösartig entartete Zellen erkennen und vernichten kann.

Der Mensch selbst bildet den Mittelpunkt im Heilsgeschehen. Weshalb ist dies so? Warum kann Heilung im tieferen Sinn erst dann eintreten, wenn die Verantwortung für das eigene Leben vom Menschen selbst übernommen wird? Warum ist die Entwicklung eines lebensfreudigen eigenen Standpunktes, eines sogenannten »Ich«, mit seinen individuellen Entscheidungen notwendig?

Die Körperübungen aus dem Yoga, die sogenannten āsana, welche inzwischen weltweit von sehr vielen Menschen praktiziert werden, geben uns eine Möglichkeit diesen individuellen, gesunden Standpunkt im Leben zu entwickeln. Die folgenden Gedanken stammen aus der eigenen Yogapraxis inspiriert von den Übungsbeschreibungen aus dem Buch »Die Seelendimension des Yoga« von Heinz Grill (1):

Die Yogaposition tādāsana »der Baum« beispielsweise trägt das Bild des menschlichen »Ich« in sich, welches sich selbst in der Nähe des Herzens, in sensibler Wachheit und Offenheit nach außen erfährt. Genauer betrachtet könnte man sagen, dass sich die eigene Mitte aus der Beziehung zur Umgebung überhaupt erst formt. Ohne Umfeld gibt es mich – oder das „Ich“ eigentlich gar nicht. Würde sich der Mensch aus dem Leben herausnehmen und hinter verschlossene Türen verschanzen, so könnte sich sein Herzmittelpunkt nicht gut entwickeln.

tādāsana – der Baum – als Bild für das menschliche „Ich“

Viele lebensbedrohliche Krankheiten der modernen Zeit zählen zu den »kalten« oder degenerativen Erkrankungen. So ist beispielsweise bei Krebspatienten tendenziell zu beobachten, dass sie selten Fieber bekommen oder unter heftigen allergischen Reaktionen leiden. Sowohl Fieber als auch Allergien sind der Ausdruck einer aktiven Widerstandskraft gegen fremde Eindringlinge wie zum Beispiel bei Pollen, Bakterien-, Viren-, Pilz- oder Wurmbefall. Auch die bei allen Menschen immer wieder einmal auftretenden, entarteten, körpereigenen Krebszellen werden in der Regel vom Immunsystem als fremdartig erkannt und eliminiert, so dass sich kein Tumor aus ihnen entwickeln kann.

Dem heutigen Menschen scheint etwas zu fehlen, das früher, als die Menschen von fiebrigen Epidemien heimgesucht wurden, noch vorhanden war. Das intellektuelle Vermögen unserer Kultur ist gewachsen, es bringt großartige Erfolge hervor, doch scheint gerade dieses mit dem Phänomen des »Erkaltens« in Verbindung zu stehen.

Beim  »Halbmond« āñjaneyāsana lernt der Übende in der rückwärtsbeugen Geste eine sensible Offenheit nach außen kennen. Die Augen bleiben geöffnet, die Aufmerksamkeit richtet sich sowohl nach unten zu den Beinen, zum Erdboden, als auch nach oben in die Formung des Oberkörpers aus, wobei der Übende über die Atmung mit dem umgebenden Luft-Raum in Beziehung tritt. Im Halbmond erleben wir das Gegenbild zum »Rückzug« als Lebenshaltung, in Form einer begegnungsfreudigen sensiblen Offenheit, sowohl nach »oben«, als auch nach »unten«.

»Halbmond« āñjaneyāsana

Eine andere Yogaposition, paścimottānāsana, die »Kopf-Knie-Stellung« zeigt das Bild eines Grenzüberschreitens in Form einer höchst aktiven Willensformung in Richtung auf ein von einem selbst gewünschten Ziel. Eine derartige Bewegung, sei es im Yoga oder im gewöhnlichen Alltag, führt zu einer Erweiterung der persönlichen Möglichkeiten. Die in dieser Übung bewerkstelligte Willenseinsatz stärkt die eigene Persönlichkeit und kann aus diesem Grunde als »heilsam« bezeichnet werden.

Weites Ausdehnen nach vorne
paścimottānāsana, die »Kopf-Knie-Stellung«

Das physische Vermögen Wärme zu bilden und der Wille stehen im Zusammenhang. Der Wille im Sinne der Begeisterung ist einem Feuer gleich, das in uns zu Handlungen befeuert. Doch was entzündet und was löscht die innere Flamme? Es gibt vermutlich nichts im Leben, das uns Menschen mehr motivieren kann, als wahre und schöne Gedanken, sogenannte Ideale. Unwahrheiten und Lügen dagegen lähmen den Willen und rauben die Basis zum Miteinanderleben. So gilt es mehr Bewusstsein zu entwickeln, um das eine vom anderen zu unterscheiden.

Die Rose als Bild für ein Ideal, das durch seine „Schönheit“ das Herz berührt

Woher kommt eigentlich die häufig anzutreffende Rückzugsneigung, welche die Tür für Fremdbestimmungen im Unbewussten erst so richtig öffnet? In der Psychologie ist allgemein bekannt, dass psychische und moralische Verletzungen, die zu irgendeinem Zeitpunkt des Lebens eintraten, in der Regel zu einem Verlust der Lebenskräfte führten. Im weiteren Lebenslauf beeinflussen diese verdrängten und ins Unbewusste abgetauchten Traumen weiterhin den Menschen. Bildhaft gesprochen rauben weiterhin ständig Energie. In gewisser Hinsicht ist heute wohl jeder Mensch – mehr oder weniger natürlich – von dieser Tatsache betroffen. Doch hat jeder auch immer die Möglichkeit, neue Wege einzuschlagen. Vielleicht gibt es Möglichkeiten, die wir bisher noch nicht kennen?

Der Mensch will etwas. Es gilt den authentischen Willen wiederzufinden und die Fäden des Lebens in die eigenen Hände zu nehmen. Hoffnungslosigkeit gibt es nur solange, wie der Mensch sich selbst und seine wahren Möglichkeiten, wie beispielsweise seine geistigen Kräfte, nicht kennt. Damit ist aber nicht der kalte Intellekt gemeint, sondern die wärmende und lichtgebende Kraft der Sonne, welche in uns Menschen zum Ausdruck kommen kann.

 ©Text und Zeichnungen: Christine Richter

(1) Heinz Grill, »Die Seelendimension des Yoga, praktische Grundlagen zu einem spirituellen Übungsweg«, Lammers-Koll-Verlag, 5. Erweiterte Auflage 2018.

Mit Dank an die Fotografen, welche ihre Bilder über PIXABAY gratis zur Verfügung stellen!

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