Allgemein

Gesunde Bakterien

Die vielfältige Welt der Mikroorganismen ist für unsere Augen nicht sichtbar und dennoch existent. Die Luft, jede Oberfläche, die Haut, unser Darm – es gibt keinen Ort auf dieser Welt, der nicht von ihnen bevölkert wäre. Es gibt „gesunde“ und „schädliche“ Mikroorganismen, welche aus dem Reich der Bakterien, Viren, Pilze oder Algen stammen. Auch existiert die Unterscheidung eines gesunden oder ungesunden Milieus, was die komplexe Zusammensetzung von verschiedenen Mikroorganismen an einem bestimmten Ort meint. Diese befinden sich meist in einem eingespielten, sensiblen Gleichgewicht miteinander und geben einen gewissen Schutz gegenüber fremden Eindringlingen in der Welt der für uns unsichtbaren, aber sehr wohl existenten Winzlinge.

Im Grundkurs zur Mikrobiologie an der Universität stellten wir an verschiedenen Orten offene Petrischalen auf, das sind durchsichtige, flache Plastikschalen mit einem Nährboden darin, auf welchem Bakterien und Pilze gedeihen. Wir berührten diese mit der Hand, mit einem öffentlich benutzten Telefonhörer, mit einer Türklinke oder ließen sie einfach nur eine bestimmte Zeit im Raum an der Luft stehen, um die Menge und Verschiedenheit der dort jeweils vorhanden Mikroorganismen zu untersuchen und für das Auge sichtbar zu machen. Die Petrischalen wurden anschließend wieder mit dem Deckel verschlossen und in einen Brutschrank gestellt. Nach einigen Tagen konnten wir dann schauen, was in ihnen an Bakterienkulturen gewachsen war und die einzelnen Stämme im Mikroskop untersuchen.

Frosch in einer Petrischale

Für uns wurde damals deutlich, dass es überall Mikroben gibt, an jedem Ort, auch auf der Haut, und dass diese eine wichtige Rolle im Zusammenspiel alles Lebendigen darstellen.

Diese vielen verschiedenen Mikroorganismen bilden miteinander ein Gleichgewicht, das sich nach und nach einstellt, wie beim Herstellen eines guten Sauerteiges. Die Kunst der Sauerteigherstellung liegt darin, den konkurrierenden Kampf in der Welt der Bakterien und Pilze durch zum Beispiel Temperatur und andere Faktoren so zu lenken, dass sich ein Gleichgewicht mit den gewünschten Mikroorganismen einstellt.

Es sollte uns klar werden, dass die unsichtbare Welt der Mikroorganismen zu unserer Welt hinzugehört wie die Luft zum Atmen und der Sonnenschein über unserem Haupt. Desinfizieren wir unser Umfeld, töten wir etwas, das natürlicherweise vorhanden ist und auch immer wiederkehren wird. Es gibt kein „steriles Umfeld“. Diese Vorstellung entspricht nicht der Realität.

Aus biologischer Sicht könnte man sagen, dass der gesündeste Ort zum Aufwachsen eines Kindes ein Bauernhof wäre, kein moderner Mastbetrieb, sondern einer nach der alten Art, weil sich dort mit Sicherheit ein vielfältiges, gesundes und auch kraftvolles bakterielles Leben vorfindet. In einem solchen Umfeld kann sich das heranbildende Immunsystem eines Kindes am besten entwickeln. Der „ungesündeste Ort“ in diesem Zusammenhang wäre ein Krankenhaus, in welchem durch das fortwährende Desinfizieren jede schützende Flora zerstört wird und nur die resistenten Keime überleben, welche in der Regel die gefährlichsten sind. Man könnte es auch so ausdrücken: Durch Desinfizieren werden resistente Keime gezüchtet, man züchtet sie regelrecht heran.

Natürlich muss ein Operationsraum steril sein, so dass in einen geöffneten Bauchraum keine fremden Bakterien eindringen, denn sie würden dort eine Entzündung verursachen. Warum? Weil das Immunsystem auf die Eindringlinge reagiert. Die Entzündung ist das Resultat der körpereigenen Abwehr. Dies kann durch sterile Arbeit bei der Operation verhindert werden. Im normalen Haushalt jedoch wäre es mit Sicherheit am gesündesten – im Wissen um die schützende Welt der normalen Bakterien – Abstand von jeder Form des Desinfizierens zu nehmen.

Erika Stolze, Dipl. Biologin

One Comment

  • Meile silvia

    sehr schöner Beitrag – der in Kürze, Grundlagenwissen bereitstellt, um mit gesundem Menschenverstand auf
    die momentane Corona – Massnahmen zu blicken!
    Immunsystem aufbauen heisst Kontakt haben!

    Silvia Meile

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