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Die Würde – wie kann sie heute neu erlebt und verstanden werden?

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ (Art. 1 Grundgesetz)

von Heinz Grill

Das italienische Grundgesetz lautet anders als das deutsche: L’Italia è una Repubblica democratica, fondata sul lavoro (Artikel 1, übersetzt: Italien ist eine demokratische Republik, die auf Arbeit gegründet ist). Es wird weniger die Würde des Menschen in den Mittelpunkt gestellt, sondern die Tätigkeit im Sinne der Arbeit. Diese sollte aber durch die Demokratie frei gesichert sein und gewinnt einen ehrenvollen Hintergrund.

Ist nicht die Würde die höchste Verpflichtung eines jeden Individuums, das mit Denken und menschlichen Gefühlen begabt ist? Lässt sich vom Staat, der jeden Tag seine Unfähigkeit mit allerlei Verletzungen der humanen und vernunftbegabten Ordnungen demonstriert und keine demokratischen Entscheidungen zulässt, die Sicherung und Wahrung der Würde erwarten? Von Seiten des Staates ist wohl kein größeres Ehrgefühl zu erwarten. Der Einzelne kann sich nicht mehr auf den Staat verlassen denn er ist mit seinen wirklichen kulturellen seelischen und ästhetischen Bedürfnissen verloren. Die Würde kann wohl von einem Apparat, der unter ökonomischem und sozialem Druck steht und der nach Anerkennung suchende Führungspersonen aufweist, die ihr Fachgebiet nicht ausreichend beherrschen, keinesfalls erhofft werden. Die Würde des Staatssystems erscheint in den letzten Jahre sehr mitgenommen. Die Zeit, in der der Bürger sich auf die Obrigkeit verlassen kann, dürfte wohl vorbei sein. Der Mensch braucht heute mehr Selbstführung, Selbstbestimmung, Selbstverantwortung und muss aus einem eigenständigen sozialen Vermögen den Staat repräsentieren. Er müsste auch eine Spiritualität, die ihm ebenfalls abgesprochen wird, wiedererlangen. Ist nicht jeder Bürger zu einer größeren Verantwortung, zu Wahrheit und eigenständiger Auseinandersetzung aufgefordert, wenn die Obrigkeit keine geeigneten Vorschläge und Mittel der Information und der Gerechtigkeit bieten kann?

Die Würde kann im höchsten Vermögen des menschlichen Vollkommenseins gedacht werden. Sie kann aber eine Art Deklination erhalten und in die einfachen Bereiche der Lebenspraxis eintreten. In Bezug auf Arbeit und Handlung, wie es mehr in Italien betont ist, kann das Wort „Würde“ leichter erfasst werden. Die Frage, was ist eine würdevolle Handlung, stellte sich schon 3000 Jahre vor Christus in der Bhagavad Gita. Diese Schrift, die als Bibel des Ostens gilt, bearbeitet beispielsweise im dritten Kapitel die Frage, wann eine Handlung zur Befreiung und zum Erfolg und wann diese im Gegensatz hierzu zu Verhaftung und Misserfolg führt.1)

Wenn man nun auf eine Demonstration geht und den Vorträgen, die von meist sehr hochkarätigen Personen gesprochen werden, zustimmt, bleibt noch die Frage offen, ob man als sogenannter kleiner Demonstrant die Werte, die angesprochen und für die Zukunft vorgeschlagen werden, ausreichend selbst denken kann. Gleichzeitig ist eine prüfende Vergleichbarkeit der Worte mit dem Zeitgeschehen von jedem der teilnimmt verlangt, das ist ein Umstand, der einen zu starken gruppenmäßigen Zusammenschluss unter eine Führungsperson meidet. Ist es nicht heute regelrecht an der Zeit, dass sich jedes einzelne menschliche Individuum auf den hohen Berg der Würde, die so sehr pauschal im Grundgesetz verankert ist, begibt? Vielleicht werden manche nur auf diesen Berg von außen blicken und andere wagen die ersten Fußschritte. Manche denken, ob es nicht eine Seilbahn auf diesen Berg gäbe. Der Weg jedenfalls zur Würde ist nicht ohne eigene Leistung und Arbeit erklimmbar.

Es ist zum Scheitern verurteilt, wenn die Würde von einem Staatssystem gefordert wird, wenn sie nicht im eigenen Bewusstseinsinneren langsam und sicher zur Entwicklung gelangt. Jegliche Forderungen an Systeme oder an Dritte bleiben unbeantwortet oder bewirken gegenteilige polare Reaktionen, solange sie nicht aus der rechten Haltung und erarbeiteten polaritätsfreien Würde selbst erstrahlen. Es ist ein Gesetz in der Menschheit, dass der Erfolg einer Handlung dann gewährleistet ist, wenn sie mit der inneren Reife und tiefsten Wahrhaftigkeit der Seele geschieht.

Eine ehrwürdige Handlung folgt dem Gebot der Ehrlichkeit. Es kann, um ein einfaches materielles Beispiel zu geben, kein Produkt für viel Geld verkauft werden, wenn es keinen adäquaten Gegenwert besitzt. Denn verkauft man für viel Geld wertlose Ware, erschafft man Bindungen für sich selbst und für andere. Der Verkäufer wie der Käufer treten in ein unweigerliches Bindungsgefüge ein.

Eine ehrenvolle Handlung geschieht nicht ohne Entscheidung. Aus persönlichen Erfahrungen kann ich ein schmerzliches Lied singen, wenn ich immer wieder Personen erlebe, die im passiven Gehorsam meinen Worten folgen und sich selbst keine Anschauung und Entscheidung zu diesen bilden. Wie kann jemand zu einer würdevollen Tat und sei es nur eine einfache Art Dienstleistung, wie beispielsweise ein Auto zur Verfügung zu stellen, gelangen, wenn er diese nur aus Gehorsam tätigt und nicht aus einer klaren Entscheidung zum Thema?

Die ehrwürdige Handlung kann mit weiteren Attributen studiert werden. Sie ist nicht egozentrisch, materialistisch rückverhaftet, noch ist sie passiv oder emotional. Sie steht in Beziehung zu dem anderen und grundsätzlich erfüllt sie eine höhere Disziplin. Der Kellner wäre beleidigt, wenn sich der Gast im Restaurant das Salz in der Küche selbst holen müsste und er seiner Verpflichtung des gastfreundlichen Bedienens ausweichen müsste. Eine eigene Position und eine Wahrung der Position des anderen sind für eine würdevolle Tat wichtig. Wo bestehen diese heute? Wie lassen sie sich denken und entfalten?

Des weiteren sollte eine Handlung, die einmal mit einer weisheitsvollen Entscheidung begonnen wurde, bis zu ihrem bestmöglichen Abschluss gelangen. Die Würde der Tat erfordert ein Ergebnis und dieses soll schön und integrativ sein. Eine Handlung, die halbfertig einem dritten übergeben wird, bewirkt Defizite im Energiehaushalt und beide, sowohl derjenige, der sie nicht fertig übergibt als derjenige, der sie übernehmen muss, tragen unnötige Schwierigkeiten in die Arbeitsverhältnisse fort. Bindungen entstehen jedenfalls durch Handlungen, die nicht durch ausreichende Selbstentscheidung, Wahrheitssuche, Ausdauer und Beziehungsintegrität getätigt werden.

Gerade diejenigen, die auf Demonstrationen gehen, können sich mit dem Inhalt auseinandersetzen, und mit dem Thema, wie eine ehrenvolle Tat in die Welt erstrahlt und wie sie mit Schönheit begeistert. Von jedem einzelnen Menschen könnte ein Kraftimpuls durch diese erste Entwicklung einer Würde im menschlichen Vermögen ausstrahlen. Der Einzelne kann die Weltenschöpfung mit Kraft erfüllen und wenn es wahr ist, und es ist wahr, dass jede würdevolle Tat die Welt direkt oder indirekt verändern kann, leistet er einen Baustein zum Artikel 1 des Grundgesetzes.

Wenn Demonstrationen ständig unter Druck und Belastungen stattfinden, und diese sogar noch verboten werden, so muss der Einzelne dennoch an seinem Inneren arbeiten und die Würde für sich und seine nächste Umgebung entfalten. Die Handlung, wie sie mit Ehre und Wahrhaftigkeit getätigt wird, gibt eine beste Gelegenheit zur effektiven Umsetzung der Freiheit. Man beginne am besten mit dieser Selbstaktivität sofort und beobachte jeden Tag, wie die Handlungen in Beziehung zu den Mitmenschen Ehre offenbaren. Das eigene Selbst verbindet sich mit einem größeren Thema und die Ehre wird mit Sicherheit eine weitere Bewegung der Entwicklung bewirken.2) 3)

Anmerkungen:

  1. Im 9. Vers des 3. Kapitels heißt es, dass jede Handlung, die ohne Opfer geschieht, zu Bindungen führt. Man kann die Bhagavad Gita leichter verstehen, wenn man statt Opfer das Wort Ehrgefühl in den Kontext einsetzt. Ebenfalls läßt sich die Schrift sehr gut und überkonfessionell erfassen, wenn anstelle des Namens Krishna der Gedanke als geistige Instanz gebraucht wird. Jeder Vers gewinnt durch diese Modifikationen eine logische Bedeutung. Man kann die Schrift der Bhagavad Gita als das „Lied des Herrn“ wörtlich übersetzen oder neutral als Lied des Geistes, des Gedankens bezeichnen.
  2. Handlungen der Beleidigung und Verfolgung Dritter, wie sie durch Marianne Munich und ihrem Verschwörungskreis entstehen oder ein Reichssturmangriff, müssten sich mit ihrer Bedeutung in ein Nichts auflösen, wenn diese Würde durch praktische und sorgfältig gewählte Taten in jedem Menschen aufgerichtet werden würde. Menschen auszuschließen, sie zu beleidigen, zu kränken oder zu provozieren kann wohl mit einer ehrenvollen Haltung nicht geschehen. Die Kultur würde sich erneuern.
  3. Die Entwicklung eines praktischen Verständnis und wie sie im einzelnen angewendet werden kann, wäre ein Inhalt für Demonstranten, damit sie zur Kunst des Demonstrierens gelangen.

Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung von der Webseite des Autors, www.heinz-grill.de, kopiert.

Von der Readktion hinzugefügt:

Obwohl die Würde als charakteristisches Merkmal zum Menschsein gehört, kann man ihren Ausdruck auch im Tiereich finden:

Nicht ohne Grund wird der Löwe als „König der Tiere“ bezeichnet. Auch unter den Hunden kann man einen potentiellen „Leithund“ an seiner Haltung und Ausstrahlung erkennen. Er ist derjenige in der Gruppe, der ruhig zu bleiben vermag, auch wenn er provoziert wird, der durch Souveränität auffällt und Entscheidungen zu treffen vermag, wenn dies notwendig ist.

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